In der neuesten Ausgabe der Fachzeitschrift Cell vom 11. August
berichten Wissenschaftler von einer Krebserkrankung unter Hunden,
die durch die Übertragung der Krebszellen selbst verbreitet wird.
Die Forscher kommen zu der überraschenden Einsicht, dass sich dieser
Tumor zu einem weltweit verbreiteten Parasiten entwickelt hat.
Nach
Angabe der Wissenschaflter hat ihre Entdeckung weitreichende Folgen
für Krebsforscher und Artenschützer.
Dr.
Robin Weiss vom University College London und seine Kollegen haben
in ihrer Studie den Ursprung des sogenannten "übertragbaren
venerischen Hunde-Tumors" (auf englisch, "canine transmissible
veneral tumor", oder kurz CTVT) auf eine einzige Zellkolonie
zurückgeführt. Die Forschergruppe schätzt, dass der parasitäre Tumor
vor mindestens 200 Jahren zuerst in einem Wolf oder einem wolf-ähnlichen
Hund aufgetreten ist. Damit ist dieser Tumor der älteste der
Wissenschaft bekannte Krebs, und wahrscheinlich die am längsten,
kontinuierlich wachsende Säuger-Zelllinie weltweit.
"Unsere
Ergebnisse basieren auf verschiedenen, unabhängigen genetischen
Markern von krebserkrankten Hunden von 5 Kontinenten und zeigen daß
CTVT von einer gemeinsamen Krebsvorläuferzelle abstammt" so Dr.
Weiss und ergänzt "Der Krebs ist aus dem ursprünglichen Körper
entkommen und entwickelte sich zu einem Parasiten, der von Hund auf
Hündin und von Hündin auf Hund übertragen wurde, bis er sich über
die ganze Welt verbreitet hat". Die Forscher fanden ausserdem, dass
sich die Zellkolonie gleich am Anfang der Entwicklungsgeschichte in
zwei Linien aufgespalten hat, von denen beide heute eine weite
geographische Ausbreitung aufweisen.
CTVT,
auch als "Sticker´s Sarkom" bekannt, wird sexuell übertragen, kann
aber auch durch Lecken, Beissen oder Beschnüffeln von Hund zu Hund
übertragen werden. Ältere Studien hatten bereits gezeigt, daß der
Krebs im Versuch nur durch Übertragen der lebenden Krebszellen
verbreitet werden konnte. Abgetötete Zellen oder Zell-filtrat
erwiesen sich als nicht ansteckend. Auch wurden bereits
Ähnlichkeiten zwischen den Chromosomen von verschiedenen Tumorproben
aus unterschiedlichen Ländern festgestellt. Trotzdem gab es einige
Untersuchungen, die auf die Beteiligung eines Virus bei der
Übertragung hinwiesen.
Laut
Weiss "gab es seit mindestens 30 Jahren schon Hinweise darauf, dass
die Übertragung des Tumors durch die Krebszelle selbst erfolgt – nur
die harten Fakten fehlten". Außerdem habe die kürzliche Beschreibung
einer ebenfalls übertragbaren Krebserkrankung beim vom Austerben
bedrohten Tasmanischen Beutelwolf das Interesse and dem Konzept der
ansteckenden Krebserkrankung neu geweckt, so Weiss.
Mit
forensischen Methoden analysierten die Wissenschaftler Proben von
CTVT Tumoren und Blut von 16 Hunden aus Italien, Indien und Kenia
sowie weitere Tumorproben aus Brasilien, USA, Spanien und der
Türkei. Bald schon stellten sie fest daß die DNS-Sequenz von Tumor
und Blut wenig Übereinstimmung zeigte. "Wir sahen, dass der Tumor
nicht zum Hund gehörte, stattdessen gehörten die Tumore zueinander"
berichtet Claudio Murgia, Veterenär und Erstautor der Studie.
Um
dem Alter und Ursprung des Tumors auf die Spur zu kommen, verglich
das internationale Forscherteam die Gensequenzen von Tumorzellen mit
denen von Wölfen und Hunden. Die größte Ähnlichkeit fanden die
Forscher dabei bei Wölfen und einer ursprünglichen Ostasiatischen
Hunderasse, woraus die Wissenschaftler schließen, dass der Tumor
zuerst in einem solchen Tier aufgetreten sein muss. Aus dem
Vergleich der Gensequenzen von verschiedenen Tumoren leitete das
Forscherteam das Alter der Erkrankung ab: Auf mindestens 200 Jahre
schätzen die Forscher das Erstauftreten der Erkrankung.
Die
Forscher fanden ausserdem Hinweise darauf, dass die CTVT Krebszellen
sich dem Imunsystem der Hunde angepasst haben. Wäre das nicht der
Fall, müsste das fremde Tumorgewebe "auf jeden Fall abgestossen
werden", gibt Murgia zu bedenken. Laut Weiss wächst bei den meisten
Hunde unmittelbar nach einer CTVT Infektion eine Geschwulst welche
nach einigen Monaten zu schrumpfen beginnt um dann ganz zu
verschwinden.
"Es
sieht ganz so aus, als ob es zuerste eine aggressive Wachstumsphase
gibt, in der der fremde Tumor nicht vom Immunsystem erkannt wird"
erklärt Murgia, "doch langfristig erwischt ihn das Immunsystem
doch". "Da CTVT eine sexuell übertragbare Krankeit ist, hätte sie
sich nicht weltweit verbreiten können, wenn die Hunde zu schnell
sterben würden; der Wirt muss lang genug überleben um die Krankeit
zu übertragen, im Falle von Hündinnen mindestens einen
Fruchtbarkeitszyklus", erklärt der Forscher.
Die
Wissenschaftler glauben, dass ihre CTVT Ergebnisse zu einem besseren
Verständnis anderer Krebserkrankungen führen wird:"Es ist eine
Kuriosität der Natur, aber daraus können wichtige neue Erkenntnisse
über die Instabilität von Krebs gewonnen werden", hofft Weiss.
Generell wird meist angenommen, dass während einer fortschreitenden
Krebserkrankung der Tumor "immer aggressiver" wird, so Weiss, und
dabei das Erbgut instabil wird. Hingegen scheint es bei CTVT – dem
ältesten aller bekannten Krebslinien – gleich beim Erstauftreten
weitreichende Veränderungen der Chromosomen gegeben zu haben, aber "keinen
Hinweis auf fortschreitende Veränderungen oder Verlust der
Chromosomen".
Darüberhinaus könnte die Studie zu neuen Anregungen für
Artenschützer dienen, schreibt Dr. Elaine Ostrander in einem
Kommentar über die Weiss Studie. "Im Moment kann CTVT auf wilde
Hunde überspringen, durch Paarung oder direkten körperlichen Kontakt
zwischen eng verwandten Arten" so die Expertin, "Für gefährdete
Hundearten könnte das ein Problem darstellen".
Möglicherweise sind kleine Populationen mit eng verwandten
Mitgliedern, wie im Falle des Tasmanischen Beutelwolfs, eher
gefährdet eine übertragbare Krebserkrankung zu entwickeln.
"Beim
Tasmanischen Beutelwolf könnte es sich um das gleiche Phänomen
handeln, aber das hat noch niemand untersucht" meint Weiss und
spekuliert dass "die geringe Anzahl dieser Tiere zur Inzucht führt,
und der Tumor darum wahrscheinlich nicht als ‘fremd’ erkannt wird."
Die
Möglichkeit eines sexuell übertragbaren Tumors, zum Beispiel
Gebährmutter- oder Prostatakrebs, könnte auch in Menschen bestehen,
vor allem in Patienten mit geschwächter Immunabwehr, wie
Organempfänger oder AIDS Kranke, meint Weiss, gibt allerdings zu
Bedenken, dass dies schwer zu erforschen sei. Jedoch erwähnt der
Forscher das sehr seltene Auftreten von Tumoren in Spenderorganen
nach Transplantation in immunsupprimierte Organempfänger als ein
Beispiel.
An
der Studie beteiligte Wissenschaftler sind: Claudio Murgia,
University College London in London, UK und University of Glasgow
Veterinary School in Glasow, UK;
Jonathan K. Pritchard und Su Yeon Kim, University of Chicago in
Chicago, IL;
Ariberto Fassati und Robin A. Weiss, University College London in
London, UK.
C.M. was a Wellcome Trust Clinical Veterinary Research Training
Fellow, and A.F. is a Wellcome Trust University Research Fellow.